Habilitationsprojekt

In Würde sterben? Die Debatte um das menschliche Lebensende in beiden deutschen Staaten nach 1945
Kurzbeschreibung: Das Sterben avancierte im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts zu einem zentralen Konfliktthema. Vor dem Hintergrund medizinischer Innovation und demografischer Veränderungen verlängerte sich nicht nur das menschliche Lebensende, es verschoben sich zugleich auch die Sterbeorte. Mit dieser Entwicklung ging eine neue gesellschaftliche Problemdiagnose einher, die sich etwa in Form von emotionalen Debatten um die vermeintliche "Tabuisierung" des Todes und das anonyme Sterben in Krankenhäusern oder der Etablierung der Thanatologie als einer eigenständigen wissenschaftlichen Disziplin zeigte.

Während die Geschichtswissenschaft das Thema Tod in Form von Begräbnis- und Sepulkralkultur vergleichsweise gut erforscht hat, ist das Sterben bislang noch nicht Gegenstand umfassender zeithistorischer Studien geworden. Vor diesem Hintergrund untersucht das Projekt den Diskurs um das Lebensende in beiden deutschen Staaten und fragt nach Inhalten und Akteuren. Was machte für Zeitgenossen einen "guten Tod" aus und mit welchen Mitteln wurde versucht, ein selbstbestimmtes "Sterben in Würde" in modernen Industriegesellschaften zu gewährleisten? Der - um internationale Ausblicke ergänzte - vergleichende deutsch-deutsche Verflechtungsgeschichte berücksichtigt zum einen die unterschiedlichen politischen Konturen der beiden Staaten, nimmt zum anderen aber auch längere Traditionslinien und die gemeinsame NS-Vergangenheit von Bundesrepublik und DDR in den Blick.

Der Diskurs um das Lebensende im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts erscheint als eine Sonde für allgemeine Entwicklungen, die Aufschluss über gesellschaftliche Konventionen, sozialen Wandel und vorherrschende normative Grundstrukturen geben kann. Denn das Sterben ist stets ein Produkt von Aushandlungs- und Vermittlungsprozessen. So traten nach 1960, nicht zuletzt aufgrund der explodierenden Sterbekosten, zunehmend mehr Akteure und verschiedene Interessen auf das Parkett: Kirchen, Medizinverbände, Pharmaindustrie, Gesundheitspolitik, Ärzte, Sozialwissenschaftler, Medien sowie neue zivilgesellschaftliche Organisationen wie die Hospiz- und Sterbehilfebewegung partizipierten allesamt an der Debatte, die folgerichtig immer mehr öffentliche Breitenwirkung entfaltete. Das Projekt leistet so einen Beitrag zu aktuellen zeithistorischen Kernthemen wie Verwissenschaftlichung, Subjektivierung oder der Geschichte des Alterns.

Das Projekt wird von November 2016 bis Oktober 2019 durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft im Modul "Eigene Stelle" gefördert.

Betreuer:
Prof. Dr. Dietmar Süß (Universität Augsburg)

Forschungsprojekt

Geschichte von Europaideen im 19. und 20. Jahrhundert
Kurzbeschreibung: Sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Geschichtsschreibung wird oft übersehen, dass bereits vor Beginn des europäischen Integrationsprozesses nach dem Zweiten Weltkrieg vielfältig artikulierte Ideen, Bilder und Vorstellungen von Europa kursierten. Diese schufen die ideelle, diskursive und vielfach personelle Grundlage für die sukzessive Einigung des Kontinents in den Jahren nach 1945.

Entsprechend fragt das im Rahmen eines internationalen Netzwerkes zur Geschichte der europäischen Idee (http://www.historyideaofeurope.org/) organisierte Forschungsvorhaben nach den Formen und Ursachen europäischen Denkens im 19. und frühen 20. Jahrhundert. In welchen Kontexten kam im Zeitalter des Nationalismus Europa als Ganzes in den Blick der Zeitgenossen und welche europäischen Narrative und Semantiken wurden dabei konstruiert? Welche Rolle spielten hierbei spezifische europäische Krisenwahrnehmungen, aber auch Vorstellungen einer rassischen, kulturellen und wirtschaftlichen Überlegenheit der Europäer etwa in kolonialen Räumen sowie dezidiert antiliberale, imperialistische und nationalistische Konzeptionen von Europa? Welche Bedeutung fielen dem Aufstieg der USA, der an der klassischen globalen Vormachtstellung Europas zu rütteln schien, oder dem als Bedrohung wahrgenommenen Aufstieg des Bolschewismus zu?

Das Forschungsvorhaben baut auf ein abgeschlossenes Promotionsprojekt auf, welches von Prof. Dr. Frank Bösch (Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam) und Prof. Dr. Willi Oberkrome (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg) betreut wurde. Die hieraus hervorgegangene Studie spürt den genannten Leitfragen anhand einer digitalen Volltextanalyse ausgewählter Qualitätszeitungen für die Zeit von 1914 bis 1945 in einem breiten gesellschaftlichen und thematischen Spektrum jenseits der bereits politik- und ideengeschichtlich erforschten Einigungsideen und Integrationsversuche (Paneuropa, Mitteleuropa, Briand-Plan) dieser Epoche nach. Untersucht wird die mediale Konstruktion und Übersetzung eines zweifellos noch ambivalenten, diffusen und oft nur undeutlich reflektierten Europabewusstseins der Kriegs- sowie Zwischenkriegszeit. Dabei zeigt sich unter anderem, dass sich öffentlich wirksame Europavorstellungen und -wahrnehmungen oftmals in eher alltäglichen Kontexten finden lassen und deutlich optimistischer ausfielen als die bisherige Forschung zumeist konstatiert. „Europa“ entwickelte sich vor 1945 sukzessive zu einem Erfahrungsbegriff, der den Zeitgenossen bereits deutlich präsenter war als gemeinhin angenommen.

Forschungsschwerpunkte

Eingeworbene Drittmittel