Habilitationsprojekt

Die Entdeckung des Sterbens - Das menschliche Lebensende in der deutsch-deutschen Zeitgeschichte nach 1945
Kurzbeschreibung: Nicht erst in Zeiten der Corona-Pandemie ist die Frage, wie Gesellschaften mit Tod und Sterben umgehen, von zentraler Bedeutung. Dieses Thema beschäftigte vielmehr bereits im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts eine Vielzahl an Akteuren. Denn vor dem Hintergrund medizinischer Innovation und demografischer Veränderungen verlängerte sich nach 1945 nicht nur die Lebenserwartung, es veränderten sich auch die Sterbeverläufe: Todesursachen waren zunehmend chronische Krankheiten. Mit dieser Entwicklung ging eine neue gesellschaftliche Problemdiagnose einher, die sich etwa in emotionalen Debatten um das anonyme Sterben in Krankenhäusern, um Sterbehilfe und Sterbebegleitung niederschlug. Wie und wo starben Menschen am "besten"? Wie lange sollte die letzten Lebensphase mit Hilfe der modernen Medizintechnik künstlich verlängert werden - oder sollte sie auf Wunsch gar vorzeitig abgebrochen werden? Und durfte man überhaupt über ein vermeintlich „tabuisiertes“ Thema wie den Tod sprechen? Das Projekt untersucht die Auseinandersetzungen um das Lebensende in beiden deutschen Staaten und in der wiedervereinten Bundesrepublik und fragt nach Inhalten, Akteuren und Praktiken.

Ausgangspunkt ist die Hypothese, dass das Sterben nach 1945 systemübergreifend Prozessen der Ausdifferenzierung, Rationalisierung und Verwissenschaftlichung unterlag, die ihrerseits neue Deutungskämpfe um das Lebensende verursachten. So traten, nicht zuletzt aufgrund steigender Kosten, zunehmend mehr Akteure und verschiedene Interessen auf das Parkett: Kirchen, Pharmaindustrie, Gesundheitspolitik, Ärzte, Sozialwissenschaftler, Medien sowie neue zivilgesellschaftliche Organisationen wie die Hospiz- und Sterbehilfebewegung partizipierten allesamt an der Debatte, die immer mehr öffentliche Breitenwirkung entfaltete: Diese „Entdeckung des Sterbens“ wird als eine Sonde einer allgemeineren Gesellschaftsgeschichte begriffen, die Aufschluss über politische Zielvorstellungen, kulturelle Konventionen, sozialen Wandel und vorherrschende normative Grundstrukturen gibt.

Das Projekt wird von November 2016 bis Januar 2021 durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft im Modul "Eigene Stelle" gefördert.

Einreichung des Manuskripts: Dezember 2020

Mitglieder des Habilitationsmentorats:
Prof. Dr. Dietmar Süß (Universität Augsburg)
Prof. Dr. Günther Kronenbitter (Universität Augsburg)
Prof. Dr. Dirk van Laak (Universität Leipzig)

Berichte in den Medien:

Forschungsprojekt

Geschichte der Europäisierung im 19. und 20. Jahrhundert
Kurzbeschreibung: Sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Geschichtsschreibung wird oft übersehen, dass bereits vor Beginn des europäischen Integrationsprozesses nach dem Zweiten Weltkrieg vielfältig artikulierte Ideen, Bilder und Vorstellungen von Europa kursierten. Diese schufen die ideelle, diskursive und vielfach personelle Grundlage für die sukzessive Einigung des Kontinents in den Jahren nach 1945.

Entsprechend fragt das im Rahmen eines internationalen Netzwerkes zur Geschichte der europäischen Idee (http://www.historyideaofeurope.org/) organisierte Forschungsvorhaben nach den Formen und Ursachen europäischen Denkens im 19. und frühen 20. Jahrhundert. In welchen Kontexten kam im Zeitalter des Nationalismus Europa als Ganzes in den Blick der Zeitgenossen und welche europäischen Narrative und Semantiken wurden dabei konstruiert? Welche Rolle spielten hierbei spezifische europäische Krisenwahrnehmungen, aber auch Vorstellungen einer rassischen, kulturellen und wirtschaftlichen Überlegenheit der Europäer etwa in kolonialen Räumen sowie dezidiert antiliberale, imperialistische und nationalistische Konzeptionen von Europa? Welche Bedeutung fielen dem Aufstieg der USA, der an der klassischen globalen Vormachtstellung Europas zu rütteln schien, oder dem als Bedrohung wahrgenommenen Aufstieg des Bolschewismus zu? Und wie strahlten diese Vorläufer auf die konkreten Praktiken der europäischen Integration nach 1945 aus?

Das Forschungsvorhaben baut auf ein abgeschlossenes Promotionsprojekt auf, welches von Prof. Dr. Frank Bösch (Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam) und Prof. Dr. Willi Oberkrome (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg) betreut wurde. Die hieraus hervorgegangene Studie spürt den genannten Leitfragen anhand einer digitalen Volltextanalyse ausgewählter Qualitätszeitungen für die Zeit von 1914 bis 1945 in einem breiten gesellschaftlichen und thematischen Spektrum jenseits der bereits politik- und ideengeschichtlich erforschten Einigungsideen und Integrationsversuche (Paneuropa, Mitteleuropa, Briand-Plan) dieser Epoche nach. Untersucht wird die mediale Konstruktion und Übersetzung eines zweifellos noch ambivalenten, diffusen und oft nur undeutlich reflektierten Europabewusstseins der Kriegs- sowie Zwischenkriegszeit. Dabei zeigt sich unter anderem, dass sich öffentlich wirksame Europavorstellungen und -wahrnehmungen oftmals in eher alltäglichen Kontexten finden lassen und deutlich optimistischer ausfielen als die bisherige Forschung zumeist konstatiert. „Europa“ entwickelte sich vor 1945 sukzessive zu einem Erfahrungsbegriff, der den Zeitgenossen bereits deutlich präsenter war als gemeinhin angenommen.

Forschungsschwerpunkte

Eingeworbene Drittmittel und Stipendien